Stellungnahme zur Gleichstellungsstrategie des Landes Baden-Württemberg

Gleichstellungspolitik muss alle Geschlechter einbeziehen

Die ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie des Landes Baden-Württemberg ist ein wichtiger Schritt, um Gleichstellung als politische Querschnittsaufgabe zu verankern. männer.bw begrüßt das Engagement des Landes, weist aber darauf hin, dass Männer und Väter bislang kaum als eigenständige Zielgruppe benannt werden. Ihre spezifischen Herausforderungen – von Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit über Bildung und Gesundheit bis hin zu Gewaltprävention – werden nur am Rande behandelt.

Unsere Kernforderungen:

  • Explizite Einbeziehung von Männern und Vätern als Zielgruppe der Gleichstellungspolitik
  • Vätergerechte Familien- und Vereinbarkeitsangebote
  • Geschlechtersensible Gesundheitsförderung und Gewaltprävention, die männliche Bedarfe sichtbar macht
  • Stärkung kommunaler Ansätze sowie konkrete Maßnahmen mit Zielsetzungen und Indikatoren
  • Einbindung von Männer- und Vätervertretungen in Umsetzung und Evaluation

Eine konsequent geschlechtergerechte Gleichstellungspolitik kommt allen Menschen zugute – unabhängig von Geschlecht, Identität oder Lebensweise. Wenn alle Geschlechtergruppen gesehen, anerkannt und aktiv einbezogen werden, kann Gleichstellung gelingen.

Stellungnahme zum Landesaktionsplan zur Umsetzung der Istanbul-Konvention in Baden-Württemberg 2.0

Gewalt betrifft alle – Schutz und Hilfe auch

männer.bw begrüßt den Landesaktionsplan zur Umsetzung der Istanbul-Konvention in Baden-Württemberg 2.0 als wichtigen Schritt für den Schutz von Gewaltbetroffenen und die Förderung von Gleichstellung. Die Konvention verpflichtet zu einem inklusiven Ansatz: Schutz und Unterstützung sollen allen Menschen offenstehen – unabhängig von Geschlecht, Identität oder Herkunft.

Gewalt trifft Frauen, Männer, Kinder sowie Trans-, Inter- und nicht-binäre Personen. Bestehende Hilfsstrukturen unterstützen vor allem Frauen, andere Betroffene bleiben unterversorgt. männer.bw fordert deshalb eine Weiterentwicklung des Aktionsplans hin zu einem umfassenden, geschlechtergerechten und bedarfsorientierten Gewaltschutz.

Unsere Kernforderungen:

  • flächendeckender Ausbau von Schutz- und Beratungsangeboten für alle Betroffenen
  • Einrichtung einer Landeskoordinierungsstelle für Gewaltprävention und Geschlechtergerechtigkeit
  • stärkere Prävention, Bildung und öffentliche Sensibilisierung
  • Verbesserung der Forschung und Datenlage zu männlichen und TIN-Betroffenen
  • geschlechtsunabhängige Weiterentwicklung des Gewalthilfegesetzes

Jede gewaltbetroffene Person soll Schutz, Anerkennung und Unterstützung erhalten. Nur so kann das Leitbild der Istanbul-Konvention, ein Leben frei von Gewalt für alle, Wirklichkeit werden.

Verabschiedung Dietmar Lipkow

Bei der Mitgliederversammlung am 13. November 2025 wurde der Gründungsvorsitzende Dietmar Lipkow verabschiedet. Im Namen des Vorsztands und des Verbands männer.bw dankte ihm sein Vorstandskollege Gunter Neubauer für die geleistete Aufbauarbeit.

Liebe Mitglieder, liebe Kolleginnen und Kollegen,

heute verabschieden wir einen Menschen, Kollegen und Freund, dessen Engagement und Wirken die Männer‑, Väter‑ und Jungenarbeit in Baden‑Württemberg stark mitgeprägt und nachhaltig weiterentwickelt hat: Dietmar Lipkow.

Von den Anfängen bis heute

Schon in den 1990er Jahren engagierte sich Dietmar im Stuttgarter Jungengesundheitsprojekt, da sind wir uns erstmals begegnet. Zu dieser Zeit war die Jungenarbeit in der Region noch kaum organisiert. Dietmar sah Potenzial – gerade auch für das Thema Jungengesundheit, gestaltete mit, baute Strukturen auf. Er war – als einer der beiden Sprecher – maßgeblich daran beteiligt, die Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit nicht als bloßen Arbeitskreis, sondern als tatkräftige und handlungsfähige AG zu formen. Ich erinnere mich da an zahlreiche Kontakt- und Lobbygespräche, an einen Fachtag „Fremde Jungs?“, das Thema Männer als Erzieher u.v.m.

In den Jahren danach öffnete sich sein Einsatzfeld. Nach einer Station in der kommunalen offenen Jugendarbeit wechselte er in die Familienbildungslandschaft, wo er neue Impulse setzen konnte. Dietmar wirkte lange als Geschäftsführer der LEF, der Ev. Landesarbeitsgemeinschaft der Familienbildungsstätten in Württemberg, war Sprecher des landesweiten Netzwerks Familienbildung und engagierte sich im Landesfamilienrat.

Projekte wie „Väter in der Familienbildung“ oder „Männer – Bildung – Männerbildung“ (zusammen mit dem vhs-Verband) zeigten seine Vision: Es geht um das ganze Spektrum männlicher Lebenslagen – Jungenarbeit, Vater sein, Männlichkeit reflektieren, Bildung und Teilhabe ermöglichen. So war es Dietmar, der immer wieder anmahnte, die Väter in der Familienbildung mitzudenken.

Entstanden aus der Online-Vortragsreihe „Väter B-W – Väterthemen in Baden-Württemberg“ war Dietmar von Anfang an auch im Kreis der Initiatoren unseres Verbands männer.bw dabei. Als Gründungsvorsitzender führte er den Verein, baute Netzwerke auf und verband vielfältige Anliegen und Interessen: Männer und Gleichstellung, das Projekt „Rechte Männer – rechte Männlichkeiten“, Themen wie Care-Arbeit und Vaterschaft – all das wurde unter dem Dach von männer.bw sichtbar und gehaltvoll bearbeitet.

Wofür wir Dietmar danken

  • Für seinen Mut, neue Wege zu gehen: Männerpolitik und Väterbildung sind leider nicht gerade zentrale gesellschaftliche und politische Themen, aber Dietmar hat sie stets mitgedacht und mitgestaltet.
  • Für seine Hartnäckigkeit und seinen Weitblick: Strukturen zu schaffen, Netzwerke zu knüpfen, Angebote in die Region, ins Land zu tragen, Verständigung zwischen Fachkräften, Öffentlichkeit und Politik herzustellen.
  • Für seine Haltung: Geschlechterdiskurse um die Perspektiven und Lebenslagen von Männern und Vätern zu erweitern – mal kritisch, mal empathisch, oft beides zugleich.
  • Für seine Anregungen und Impulse: für die Kolleginnen und Kollegen, die mit ihm gearbeitet und von seiner Arbeit profitiert haben, und dabei nicht zuletzt auch für uns im Vorstand von männer.bw.

Ausblick und Wünsche

Lieber Dietmar, mit deinem Rückzug als Vorsitzender schließen sich nicht die Türen – im Gegenteil: Deine Arbeit bildet ein starkes Fundament. Wir hoffen, dass die Impulse, die du gesetzt hast, weitergetragen werden: von denjenigen, die deine Vision teilen, sowie durch neue Akteure, die von deiner Pionierarbeit und deinem Engagement profitieren.

Wir wünschen dir für die kommende Zeit alles Gute – Gesundheit, Freude, Muße – und weiterhin Energie, Gedanken und Ideen, die die gemeinsame Sache voranbringen.

Danke!

Neues Angebot: Stuttgarter Spielzimmer auf Zeit

Das „Spielzimmer auf Zeit“, ein Projekt der Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart, ist seit heute online. Die Idee dahinter:

Ab Oktober können getrennt lebenden Elternteile, die zu ihren Kindern nach Stuttgart reisen, einen kostenfreien und kindgerechten Raum im Stadtteilhaus Mitte buchen. Der Spielraum steht nach Anmeldung samstags von 9 bis 17 Uhr zur Verfügung.

Kinder benötigen auch nach der Trennung der Eltern eine sichere Bindung zu beiden Elternteilen. Die Landeshauptstadt Stuttgart bietet daher Vätern und Müttern, die von ihrem Kind getrennt leben und keine Wohnung in Stuttgart haben, ein „Spielzimmer auf Zeit“ an: Einen kindgerechten Raum in der Stuttgarter Innenstadt, in dem Eltern und Kinder samstags ungestört Zeit miteinander verbringen können. Das Spielzimmer kann samstags zwischen 9 bis 17 Uhr gebucht werden. An Feiertagen und in den Weihnachtsferien in Baden-Württemberg bleibt das Spielzimmer geschlossen. Um den Spielraum nutzen zu können, ist eine Anmeldung unter spielzimmeraufzeit@stuttgart.de zwingend erforderlich.

Gerade in den Herbst‐ und Wintermonaten, wenn Spielplätze als Treffpunkte ungemütlich werden, bietet das „Spielzimmer auf Zeit“ eine kostenfreie Alternative für Eltern, die nach Stuttgart reisen, um ihre Kinder zu treffen. Der Raum ist unter anderem mit einer kleinen Kuschelecke, Bobbycars, Kinderbüchern und Malsachen ausgestattet und eignet sich besonders für Kinder im Kleinkind‐ und Vorschulbereich.

Das „Spielzimmer auf Zeit“ läuft vorerst bis zum 28. März 2026 und ist ein Projekt der Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart, in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung sowie dem Stadtteilhaus Mitte.

Weitere Informationen unter www.stuttgart.de/spielzimmer-auf-zeit

Neues Positionspapier zur Gewaltbetroffenheit von Männern

Gewalt betrifft Menschen aller Geschlechter – im privaten Umfeld, am Arbeitsplatz, in Institutionen oder in Krisensituationen. 2024 waren knapp 59 % der registrierten Gewaltopfer männlich, fast ein Drittel der von häuslicher Gewalt Betroffenen sind Männer.

Die bestehenden Hilfsangebote für Männer reichen oft nicht aus: In Baden-Württemberg stehen aktuell nur zwei Schutzwohnungen mit drei Plätzen zur Verfügung, und spezialisierte Beratungsstellen fehlen vielerorts. Hinzu kommen gesellschaftliche Barrieren wie Scham oder traditionelle Rollenbilder, die Männern den Zugang zu Unterstützung erschweren.

Das neue männer.bw-Positionspapier „Gewalt gegen Männer: Betroffenheiten anerkennen – Hilfesysteme ausbauen“ fordert deshalb: Schutz- und Beratungsangebote für Männer ausbauen und die Präventionsarbeit stärken. Ziel ist ein inklusives Hilfesystem, das allen Menschen ein sicheres, selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben ermöglicht.

SWR2 Forum: Von fragil bis toxisch – Was heißt „Männlichkeit“ heute?

Bernd Lechler diskutiert mit
Prof. Dr. Sylka Scholz, Soziologin, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Markus Theunert, Psychologe und Publizist, Zürich
Dr. Reinhard Winter, Pädagoge, Sozialwissenschaftliches Institut Tübingen

Alphamänner wie Wladimir Putin und Donald Trump führen Krieg und dominieren die Weltpolitik. Die Zahlen zu Femiziden und Beziehungsgewalt sind bestürzend. In sozialen Medien machen Frauenhasser Karriere, und junge Männer wählen rechts. Schlägt nach metoo und feministischer Debatte nun das Patriarchat zurück? Mit welchen Idealen und Männerbildern wachsen Jungen auf? Wie sähe eine gesündere Männlichkeit aus?

Donnerstag 7. August, 17.05 Uhr, Forum, SWR Kultur

https://www.swr.de/swrkultur/leben-und-gesellschaft/von-fragil-bis-toxisch-was-heisst-maennlichkeit-heute-forum-2025-08-07-100.html

Queerness, Männlichkeiten und Gewalterfahrungen in digitalen und virealen Räumen

Referent Patrick Herzog zu den Verschränkungen von digitalen und realen Räumen – im virealen Raum

Von Thomas König, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Vireale Räume? Was mag das bedeuten? Wie Referent Patrick Herzog vom Verein zur Förderung von Jugendlichen in Stuttgart ausführte, charakterisiert dieser Begriff die Verschränkungen von digitalen und realen Räumen. Er zeigte am Vergleichaktueller Nachrichtenbilder, die Raketenangriffe zeigen, und der Grafik eines 30 Jahre alten Computerspiels von Atari, wie sehr sich die Anmutung gleicht.

Diese Gleichzeitigkeit von tatsächlicher und digitaler Existenz nicht nur in Bildern sei für die Realität junger Leute heute zentral: virtuell und real – zwei Zustände, aktuell kaum mehr zu trennen: eben vireal. 49 Teilnehmende hatten sich zur Veranstaltung online zugeschaltet, die in Kooperation von männer.bw, dem Forum Männer und Väter in Baden-Württemberg, der Sozialberatung Stuttgart | Fachbereich Gewaltprävention, Gewaltschutz für Männer und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart | Fachbereich Gesellschafts- und Sozialpolitik angeboten wurde.

Gaming und Genderreflexion

Patrick Herzog ist Spiel-, Sozial- und Medienpädagoge sowie Jungenarbeiter. Sein Projekt Vi:real beschäftigt sich mit Gaming und Genderreflexion. Im Rahmen des Projekts Vi:Real, das sich an Jugendliche und junge Erwachsene ebenso wie an Fachkräfte und Ehrenamtliche in der Jugendhilfe richtet, wird aufsuchende Sozialarbeit (Digital Streetwork) auf Gamingplattformen, wie beispielsweise Discord und Twitch, betrieben. Es bietet Unterstützung und Beratung im Kontext von Sexualitäten, Gender und Geschlechtlichkeit und im Bedarfsfall die Weitervermittlung an die Onlineberatung des Vereins zur Förderung von Jugendlichen, sowie an spezifische andere Fach(beratungs)stellen. Zu den Aufgaben gehört auch die Schulung von Fachkräften und Ehrenamtlichen.

Eine reine Schulung war die online-Abendveranstaltung nicht, gleichwohl war Herzogs Vortrag prall mit Informationen und Wissenswertem zum Thema gefüllt: Gewalterfahrungen junger Menschen in digitalen Räumen und deren Einfluss auf Männlichkeiten und Queerness im Kontext ihrer Mediennutzungsgewohnheiten.

Patrick Herzog fragte zunächst, wo Identitätsbildung Jugendlicher heute stattfindet, konkret wo Räume sind, um Freunde zu finden und an welchen Orten Einfluss auf die Entwicklung genommen wird. Digitale Plattformen unterschiedlicher Art spielten dabei laut JIM (Jugend, Information, Medien) und KIM (Kindheit, Internet, Medien) Studien eine wichtige Rolle: WhatsApp, Instagram, Snapchat, TikTok, YouTube u.a. Diese seien Räume, die eine große Relevanz für die Entwicklung von Jugendlichen hätten, sie fungierten als „Wissenszugriffplattformen“, hier sind memes zu finden, die zur Identitätsbildung beitrügen. Es fänden sich die Informationen zu aktuellen Themen wie Krieg, Fußball/Sport, Klimawandel u.a., hier sind allerdings auch Orte, wo sexuelle Belästigung stattfände, am häufigsten auf Instagram, das allerdings auch am meisten von Jugendlichen genutzt werde.

Digitale Spiele und ihre Bedeutung

Auch Gamingplattformen spielten hinsichtlich Genderaspekten eine wichtige Rolle: Minecraft, Fortnite, Brawl Stars, FIFA, u.a. Denn digitale Spiele böten zeitlich begrenzte Erfahrungsräume mit eigenen Regeln und Sinnzusammenhängen. Etwa 75 % der Jugendlichen spielen regelmäßig digitale Spiele. Die JIM-Studie 2024 zeigt, dass männliche Jugendliche für digitales Spielen im Schnitt 114 Minuten täglich aufwenden, weibliche Jugendliche hingegen nur 66 Minuten. Dabei werde immer auch eine Genderrolle gespielt, und frei nach Judith Butler formulierte Patrick Herzog, man spiele immer auch mit oder für einen anderen, wenn auch nur vorgestellt. Gamingplattformen und die Wahl eines Avatars erlaubten es dann auch virtuell, eine Genderrolle zu spielen, die in der Realität vielleicht nicht die eigene ist.

Gleichwohl bliebe das Spannungsfeld von Gender-Binarität: dazwischen fände das Leben statt und Gendervorgaben erwiesen sich als fragile Konstruktionen: Dichotomien dominierten weiterhin in gesellschaftlichen Diskussionen und Prozessen, wie das Beispiel um die Notwendigkeit einer Wehrpflicht in Deutschland zeige. Männlichkeiten als Aspekt von Genderperformance blieben weiterhin dominant, denn männlich markierte Praktiken könnten von Medien prima benutzt werden: um zu kommunizieren, sich auszudrücken, Geld zu generieren, … Männlichkeit wird als soziale Konstruktion betrachtet, die in verschiedenen Lebensbereichen ausgedrückt werden muss.

Wer hat welche Deutungshoheiten?

Letztendlich ginge es um die Frage, wer welche Deutungshoheiten habe. Die sozialen Medien seien zeitlich entgrenzt und 24 Stunden in sieben Tagen die Woche verfügbar. Damit wären auch Konfrontationsmöglichkeiten und Genderperformance immer verfügbar und Jugendliche könnten immer wieder mit binären Vorstellungen konfrontiert werden. Hegemoniale Männlichkeit wird durch die Abwertung nicht-heteronormativer Männlichkeiten konstruiert, wie der Referent durch zwei Beispiele auf Instagram zeigte.

Solche Videos ermöglichten männlichen Jugendlichen eine einfache Identifikation, auch wenn einfache Kausalschlüsse problematisch seien: Ein Filmchen hat nicht automatisch üble Folgen. Gleichwohl könnten die Algorithmen digitaler Plattformen einen verstärkenden Effekt hinsichtlich Verhaltensänderungen haben.

Aus dem Chat der Teilnehmenden heraus, gab es an dieser Stelle als Tipp für Sozialarbeiter:innen: Man könne sich mal auf dem Arbeitshandy einen Account für eine digitale Plattform erstellen und dort einstellen man sei 14 Jahre alt und anschließend mit den Augen von Jugendlichen durch das Angebot scrollen. Patrick Herzog rät, einmal die eigenen Privilegien zu checken und unter heteronormativen Kriterien die „diffuse Normalität“ zu überprüfen: Queere Menschen und sexuelle Minderheiten würden die Abwertungserfahrungen und Diskriminierung bewusst wahrnehmen.

Männlichkeiten und Queerness

Beim Thema Männlichkeit(sperformance) zeige sich, dass Ego-Shooter-Spiele den Krieg immer wieder kulturell rezipierten und da könnten sich Realität und Virtualität in der Wahrnehmung überschneiden. Gleichwohl, das Spiel erlaube auch ein Scheitern, daher könnten Spiele auch für Jungen und Männer interessant sein, anders als etwa Alltagsbezüge in der Schule, die nicht so leicht veränderlich sind. Spiele könnten der Psychohygiene dienen, um aktuelle Belastungen zu verarbeiten und Entlastung zu bieten. Weil im Spiel Wiederholbarkeit gegeben ist, kann jederzeit von vorne begonnen werden, wer im Spiel gestorben ist, kann wiederkommen. So sei das Spiel belanglos, es ist aus der Wirklichkeit herausgekommen, es ist Kultur.

Im Hinblick auf queere Jugendliche führte Patrick Herzog aus, dass die binäre, heteronormative Hegemonie das Hauptproblem für queere Menschen sei, nicht ihre sexuelle Identität. Da sei es gut, dass es durchaus digitale Spieleräume gäbe, die jenseits von Alltagserfahrungen genutzt werden könnten. Simulationsspiele hätten mit den Alltagsdiskriminierungen nichts zu tun. Queere Menschen spielten tatsächlich häufiger Simulationsspiele als andere Menschen, was auf eine stärkere Identifikation mit diesen Spielen hinweist und in der Logik des Spiels ist keine Rechtfertigung notwendig: Es gibt die Freiheit sich etwa einen beliebigen genderunabhängigen Avatar zu wählen.

Queeres Empowerment

Digitale Räume können risikohaft sein, aber auch Chancen bieten: So könnten in safer spaces (Bsp. auf Twitsch) Kontakte zu Gleichgesinnten geknüpft werden, so könnte Communitybuilding stattfinden, Kontakte zu peers und Datingmöglichkeiten seien vorstellbar. Digitale Räume könnten inklusiver sein als die Realität, denn in einem digitalen Spiel ließe sich die jeweilige Figur frei bewegen. Ein Coming-out könnte erleichtert werden, es ließen sich Informationen finden bspw. zum Thema Transsexualität, dies ginge in digitalen Räumen oft leichter als im wahren Leben.

Diskriminierung, Abwertungen und Gewalterfahrungen von Queeren und queer gelesenen Menschen umfassen Rassismus, Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und andere Formen der Abwertung.  Diese Intersektionalität, also die gleichzeitige Diskriminierung aufgrund mehrerer Identitätsmerkmale (z.B. Rassismus und Klassismus), kann in digitalen Medien z.B. auf Instagram sowie im Alltag sichtbar gemacht werden, denn von der digitalen Welt erleben LGBTQ+-Personen häufig Stress und negative gesundheitliche Folgen, die bis in die reale Welt hinein wirken.

Zudem ist die Vulnerabilität queerer Jugendlicher oft aufgrund äußerlicher Umstände und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen gegeben: einem höheren Risiko für Suizidversuche, (Jugend-)Wohnungslosigkeit, Schulabstinenz durch Mobbing, eine beeinträchtigte psychische Gesundheit, ein riskantes Konsumverhalten oder sexuelle Gewalterfahrungen. Orte der Diskriminierung seien in der Öffentlichkeit, in der Familie, in der Freizeit, bei der Arbeit, im Freundeskreis oder in der Schule zu lokalisieren.

Gewalterfahrungen in digitalen Räumen

Queere Jugendliche geben an, dass sie dreimal so häufig Gewalterfahrungen im digitalen Kontext gemacht hätten als andere Jugendliche, v.a. durch Mobbing (42 % vs. 15 %). 26 % der LGBTQ+-Jugendlichen gaben an, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung online gemobbt worden zu sein und 32 % der LGBTQ+-Befragten erlebten online sexuelle Belästigung, viermal häufiger als Nicht-LGBTQ+-Jugendliche (32 % vs. 8 %). Folgen digitaler sexualisierter Gewalt können Ohnmachtserfahrungen, Scham, Ekel und Isolation sein, Retraumatisierungen aufgrund real gemachter Erfahrungen sind möglich.

Das Smartphone als Waffe und Rettungsring zugleich

Nach seinem dichten, ausführlichen und kenntnisreichen Vortrag, der immer wieder von Kommentaren und Nachfragen aus dem Kreis der Teilnehmenden ergänzt wurde, richtete Patrick Herzog noch einen zusammenfassenden Appell an alle, die sozial mit Jugendlichen arbeiten: Wichtig sei ein Schwerpunkt auf dem Thema Medienbildung für alle. Informationstechnische Beratung brauche Transparenz und Unterstützung und die Transparenz müsse auch bezüglich eigener Einfluss-Möglichkeiten (Machtaspekte) gegeben sein. Bereits stattgefundene Gewalterfahrungen junger Menschen seien valide und ernst zu nehmen. Generell sei es im Kontext immer wichtig, die Selbstwirksamkeit junger Menschen zu stärken und die Menschenrechte auch im Bereich digitaler Medien durchzusetzen. Gelänge es, Schutz zu geben, Beteiligung zu fördern und Befähigungen zu vermitteln, wären es wahrlich „Goldene Zeiten für die Profession der Sozialen Arbeit?!“

Weitere Informationen

Projekt Vi:Real – Gaming & Genderreflexion

Taskcard mit Handout und weiteren Resssourcen zum Vortrag

Quelle: Newsletter August / September 2025 der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Zeigt, wer ihr seid – und was euch als Mitglied im Bundesforum Männer bewegt

Unser Dachverband möchte die Vielfalt und das Engagement seiner Mitglieder noch stärker sichtbar machen und hat uns um ein schriftliches Interview gebeten. Hier unsere Antworten:

männer.bw | Forum Männer und Väter in Baden-Württemberg

männer.bw ist ein Netzwerk aus Verbänden, Einrichtungen und engagierten Einzelpersonen, die sich aktiv für die Interessen von Männern und Vätern in Baden-Württemberg einsetzen.

Gemeinsam vertreten wir unsere Anliegen auf Landes- und Bundesebene und treiben eine zeitgemäße, gleichstellungsorientierte Männerpolitik voran.

Wir tun das gerne im offenen Dialog, in dem Männer und Väter ihre Erfahrungen teilen und zusammen Ideen für eine gerechtere Gesellschaft entwickeln.

Was macht eure Organisation – und auf welche Weise engagiert ihr euch für Männer und Väter?

männer.bw ist die Interessenvertretung für Männer und Väter in Baden-Württemberg.

Wir setzen uns für eine gleichstellungsorientierte Männerpolitik ein, die die Bedürfnisse aller Geschlechter in den Blick nimmt, und fördern die Weiterentwicklung der Lebenslagen von Männern und Vätern – auf politischer, gesellschaftlicher, institutioneller und individueller Ebene.

Dazu organisieren wir Veranstaltungen und Projekte, fördern Austausch und Dialog und sensibilisieren Politik und Öffentlichkeit für die Anliegen von Männern und Vätern.

Das Forum wird von einem Netzwerk aus Verbänden, Einrichtungen und Einzelpersonen in Baden-Württemberg getragen.

Warum ist es wichtig, Männer und Väter zu adressieren und einzubeziehen, um Gleichstellung und volle Gleichberechtigung aller Geschlechter zu erreichen?

Um echte und nachhaltige Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen, ist es unerlässlich, Männer und Väter aktiv in den Gleichstellungsprozess einzubeziehen.

Traditionelle Rollenbilder schreiben ihnen häufig bestimmte Erwartungen an Verhalten und gesellschaftliche Rolle zu – Erwartungen, die sie daran hindern können, ihr volles menschliches Potenzial zu entfalten und sich aktiv für Gleichstellung zu engagieren. Dabei ist Gleichstellung auch für Männer selbst ein Gewinn.

Werden Männer und Väter als gleichberechtigte Partner anerkannt und einbezogen, können sie dazu beitragen, überholte Rollenmuster zu überwinden und eine gerechtere Gesellschaft für alle mitzugestalten. Dafür setzen wir uns ein.

Was findet ihr am Bundesforum Männer besonders wertvoll – und was bedeutet euch die Mitgliedschaft?

Als Mitglied im Bundesforum Männer ist uns der Austausch mit anderen Organisationen besonders wichtig. Wir schätzen die Möglichkeit, uns mit Engagierten aus der Männer- und Väterarbeit zu vernetzen, Erfahrungen zu teilen und gemeinsame Anliegen voranzubringen.

Die Mitgliedschaft stärkt unsere politische Stimme – in Baden-Württemberg und auf Bundesebene. Sie unterstützt uns dabei, uns gezielt für die Anliegen von Männern und Vätern einzusetzen und ihre Perspektiven in die Gleichstellungspolitik einzubringen.

Für uns ist das Bundesforum auch ein Raum des Dialogs und der Weiterentwicklung – ein Ort, an dem wir mit anderen neue Perspektiven entwickeln und konkrete Impulse für eine gerechtere Gesellschaft setzen können.

Bierdeckel-Aktion: Wann ist ein Mann ein Mann?

Bierdeckel-Aktion hinterfragt traditionelles männliches Rollenbild in Stuttgarter Kneipen

Anlässlich der Diversity-Woche der Landeshauptstadt Stuttgart rund um den 27. Mai hat sich die Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart eine besondere Aktion einfallen lassen: Mehr als 15.000 Bierdeckel liegen zur Zeit in zahlreichen Stuttgarter Kneipen aus, um Stereotype des traditionellen männlichen Rollenbildes zu hinterfragen. Mit unterschiedlichen Klischees wie „Männer zeigen keine Schwäche“ oder „Für Männer gehören Raufereien dazu“ will die Abteilung für Chancengleichheit Männer zum Nachdenken über ihr eigenes Männerbild anregen. Kooperationspartner wie der VfB und die Dehoga Stuttgart unterstützen die Ausbringung der Bierdeckel in Stuttgarter Kneipen.

Hintergrund der Sensibilisierungskampagne ist, dass es in Deutschland bis heute strukturelle Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt: Männer leben in der Regel kürzer und riskanter als Frauen, zeigen ein höheres Suchtverhalten, begehen deutlich mehr Straftaten und auch öfter Suizid. Männer werden zugleich häufiger Opfer von Straftaten und Gewalt. Dagegen arbeiten Männer im Vergleich zu Frauen deutlich seltener in Teilzeit und engagieren sich weniger in der Care-Arbeit. Ursache für diese Unterschiede ist oftmals ein starres Rollenverständnis vom Mann als „Alleinentscheider“.

Die Gleichstellungspolitik der Landeshautstadt unterstützt mithilfe der Sensibilisierungskampagne die vielfältigen Lebensentwürfe von Männern, damit eine chancengerechtere Gesellschaft möglich wird.