Stellungnahme von männer.bw zum Koalitionsvertrag „Aus Verantwortung fürs Land“
Der Koalitionsvertrag für Baden-Württemberg setzt gleichstellungspolitische Impulse, blendet jedoch Männer und Väter aus – sie werden an keiner Stelle explizit genannt. Auch das Miteinander von Frauen und Männern sowie die Zusammenarbeit von Frauen- und Männerorganisationen im Gleichstellungskontext bleiben unerwähnt. Damit bleibt eine zentrale Dimension moderner, dialogorientierter Gleichstellungspolitik unberücksichtigt.
Ausdrücklich berücksichtigt der Koalitionsvertrag unterschiedliche Aspekte von Vielfalt und geschlechtlicher Identität, was wir sehr begrüßen. Eigenständige Perspektiven von Männern und Vätern werden jedoch nicht angesprochen. Zu einem inklusiven Verständnis von Gleichstellung gehört auch, die unterschiedlichen Lebenslagen innerhalb der Gruppe der Männer und Väter in den Blick zu nehmen: Männer und Väter sind keine homogene Gruppe, sondern geprägt durch vielfältige Erfahrungen, Lebenssituationen und Identitäten.
Im Bereich Gewaltschutz wird die Umsetzung der Istanbul-Konvention hervorgehoben, jedoch ohne erkennbare Erweiterung hin zu einer konsequent inklusiven Perspektive. Die bestehenden Versorgungslücken bei Schutz- und Hilfsangeboten für gewaltbetroffene Männer werden nicht thematisiert, wodurch diese Bedarfe weiterhin unberücksichtigt bleiben und eine selektive Ausrichtung der Hilfestrukturen weiterbesteht.
Auch im Themenfeld Vaterschaft zeigt sich eine deutliche Leerstelle: Weder für die Landespolitik noch mit Blick auf bundespolitische Zuständigkeiten wird ein erkennbarer politischer Ansatz zur Stärkung von Vaterschaft formuliert. Insbesondere die frühe Familienphase, die für die Entwicklung partnerschaftlicher Elternschaft zentral ist, bleibt ohne konkrete Impulse.
Im Bereich der Gesundheitsförderung werden geschlechtsspezifische Unterschiede und Bedarfe von Männern nicht sichtbar aufgegriffen. Dies zeigt, dass bestehende gesundheitliche Disparitäten weiterhin nur unzureichend berücksichtigt werden, obwohl gerade im Zugang zu Gesundheitsversorgung und Präventionsangeboten geschlechtsspezifische und intersektionale Unterschiede sowie Benachteiligungen bestehen.
Schließlich bleibt die Rolle einer gleichstellungsorientierten Männer- und Väterarbeit insgesamt unterbelichtet. Sie findet keine erkennbare politische Aufmerksamkeit. Zwar wird zivilgesellschaftliches Engagement allgemein gewürdigt, eine differenzierte Betrachtung oder strukturelle Verankerung entsprechender Ansätze ist jedoch nicht erkennbar.
Der Koalitionsvertrag bleibt in zentralen Bereichen hinter einem inklusiven und dialogorientierten Verständnis von Gleichstellungspolitik zurück. Männer und Väter erscheinen weder als eigenständige Zielgruppen noch als relevante Akteure im gleichstellungspolitischen Gefüge. Insgesamt nimmt Gleichstellungspolitik im Vertrag eher eine nachgeordnete, querschnittsartige Nebenrolle ein, ohne als eigenständiges strategisches Leitprinzip erkennbar zu sein. Zugleich wird eine progressive Männer- und Väterpolitik nicht als Zukunfts- und Gestaltungsaufgabe für Baden-Württemberg verstanden.
Veränderungen von Rollenbildern und Männlichkeitsvorstellungen können jedoch nicht allein individuell von Männern eingefordert werden, sondern erfordern ebenso politische Strategien, förderliche strukturelle Rahmenbedingungen und eine nachhaltige Absicherung entsprechender Angebote. Männer- und Väterpolitik sollte daher nicht erst dann ansetzen, wenn Männer vor allem als Problem oder Risikogruppe wahrgenommen werden, sondern als eigenständiges Handlungsfeld einer modernen und zukunftsorientierten Gleichstellungspolitik.