Die Abschlussauswertung des Onlinekurses „Prostitution – eine Arbeit wie jede andere?“ der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg fand am 13.04.2026 statt. Insgesamt hatten sich 17 Männer für den von Gunter Neubauer (männer.bw) und Karsten Kassner (Bundesforum Männer) begleiteten Kurs angemeldet. Im Mittelpunkt der Abschlussrunde standen die Reflexion persönlicher Eindrücke zum Thema Prostitution, die Erfahrungen im gemeinsamen Lern- und Diskussionsprozess sowie die Frage nach fachlichen und politischen Konsequenzen für Männerarbeit, Männerorganisationen und angrenzende Arbeitsfelder. Die Diskussionen machten deutlich, dass das Thema von starken Ambivalenzen, unterschiedlichen normativen Perspektiven und einem hohen Bedarf an weiterführendem Austausch geprägt ist.
Angesprochen wurde zunächst, dass Sexkauf und Sexverkauf als gesellschaftliches Phänomen gesehen werden müssen, in dessen Kontext v.a. die Rechte von Sexarbeiter:innen gestärkt werden sollten. Als gemeinsames Ziel wurde benannt, dass Männer keine Gewalt ausüben und sich respektvoll verhalten.
Der Austausch ausschließlich unter Männern wurde überwiegend als hilfreich erlebt, da er den Zugang zum Thema erleichterte. Gleichzeitig wurden sich wiederholende Kontroversen um ein Sexkaufverbot teilweise als ermüdend beschrieben. Angeregt wurde mehr persönliche bzw. Online-Präsenz, um besser in einen konstruktiven Austausch zu kommen und Positionen weiterzuentwickeln. Statt Maximalforderungen brauche es die Suche nach einem emanzipatorischen Konsens bzw. einem „Common ground“, etwa in der Orientierung auf ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben.
Kontrovers diskutiert wurde die Frage, wie Prostitution bzw. Sexarbeit zu bewerten ist. Einzelne Teilnehmende kritisierten eine zu einfache Reduktion auf „Sexarbeit als Folge des Patriarchats“ und wiesen darauf hin, dass Moralisierungen schwierig seien. Andere vertraten die Position, dass es im Rahmen der bestehenden Prostitution keine „freie“ Prostitution gebe und beschrieben diese als „Fickfleischindustrie“, in der v.a. Frauen zur Ware würden.
Mehrfach wurde der Wunsch nach einer ausgewogenen Darstellung der verschiedenen Regulationsmodelle und Positionen geäußert. Dabei wurde angeregt, unterschiedliche Perspektiven stärker gegenüberzustellen und den offenen Diskurs zu fördern. Zugleich wurde deutlich, dass eine dezidierte Positionierung für oder gegen das Nordische Modell nicht für alle Teilnehmenden einfach war. Demgegenüber stand der Wunsch nach einer stärkeren Trennung von Empirie, Werten und politischen Konsequenzen sowie nach einer „neutralen“ Darstellung unterschiedlicher Sichtweisen.
Die Diskussion machte zugleich deutlich, wie stark bereits die Begriffe „Prostitution“ und „Sexarbeit“ Ambivalenz und Polarisierung ausdrücken. Zugleich wurde gefragt, welchen praktischen oder politischen Nutzen diese Kontroversen haben und wie stattdessen Männer besser erreicht werden können – etwa Freier oder Jungen und junge Männer im Rahmen von Jungen- und Männerarbeit.
Als wichtige Themen wurden unter anderem Manosphere, Pornografie auf OnlyFans, die Loverboy-Methode, „Sugar Daddies“ sowie die Frage genannt, welche Auswirkungen solche Entwicklungen auf Beziehungen, Familienbilder und gesellschaftliche Vorstellungen haben. Ebenfalls angesprochen wurden Transpersonen sowie Männer in der Prostitution als vulnerable Gruppen.
Mehrfach wurde hervorgehoben, dass Datenlage und Wissen insgesamt begrenzt seien. Etwas offen blieb für manche der Blick darauf, wer die Frauen in der Prostitution sind, wer ihnen Ausstiegsmöglichkeiten organisiert und finanziert und wie das Spannungsverhältnis zwischen Menschenwürde und Freiheit von Sexarbeiter:innen zu bewerten ist. Abschließend stand die Frage im Raum, ob die Gesellschaft sich vielleicht wieder stärker in Richtung einer „prostitutiven Gesellschaft“ entwickelt.