Gesprächsabend im Tübinger machBar Café
Rund 30 Interessierte – darunter viele Männer der Generation „alter weißer Mann“, aber auch einige Frauen – kamen Ende März im machBar Café zusammen, um über ein Reizwort der Gegenwart zu diskutieren: den „alten weißen Mann“. Eingeladen hatten Axel Braig, Gunter Neubauer und Reinhard Winter.
Der Gesprächsabend bewegte sich bewusst jenseits einfacher Zuschreibungen. Nicht die Frage, ob „alte weiße Männer“ gut oder schlecht seien, stand im Mittelpunkt, sondern wie Männer mit gesellschaftlicher Verantwortung, Privilegien, Kritik und eigener Kränkung umgehen können – ohne in Abwehr oder Pauschalisierungen zu verfallen.
Den Einstieg gestaltete Gunter Neubauer mit einem pointierten Impuls unter dem Titel „Der alte weiße Mann – Figur, Fiktion, Verantwortung“. Dabei beschrieb er den „alten weißen Mann“ nicht als konkrete Person, sondern als gesellschaftliche Chiffre für historische Macht, kulturelle Normsetzung und männliche Dominanz. Kritik richte sich deshalb weniger gegen einzelne Männer als gegen eine lange Zeit selbstverständliche gesellschaftliche Struktur.
In den anschließenden Repliken von Reinhard Winter und Axel Braig sowie in der offenen Diskussion wurde deutlich, wie ambivalent viele Männer ihre eigene Position erleben. So bewegt sich auch Männerarbeit oft in einem Zwiespalt. Einerseits verstehen sich viele Männer als reflektiert, modern und offen – zugleich profitieren sie weiterhin von tradierten männlichen Privilegien. Dabei wurde darauf hingewiesen, dass gesellschaftliche Wirklichkeit selten schwarz-weiß sei, sondern sich meist in Grauzonen bewege.
Trotz teilweise kontroverser Beiträge blieb die Atmosphäre bemerkenswert offen und kommunikativ – passend zum Format eines „Kneipengesprächs“. Diskutiert wurde unter anderem darüber, wann Strukturkritik zur pauschalen Abwertung von Personen wird, wie Männer Kränkung äußern können, ohne Kritik abzuwehren, und welche Formen von Männlichkeit jenseits von Dominanz denkbar sind.
Dabei kamen auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zur Sprache: digitale Gewalt, sexualisierte Deepfakes, #MeToo, Femizide oder die Debatten zur „Manosphere“. Mehrfach wurde betont, dass Gewalt, Machtmissbrauch und patriarchale Muster keine Randphänomene seien, sondern Fragen aufwerfen, die Männer insgesamt betreffen. Dabei richtete sich der Blick nicht nur auf ältere Generationen. In der Diskussion wurde ebenso deutlich: Problematisch sind auch junge Männer aller Couleur – quer durch Milieus, politische Lager und Lebensstile, und insbesondere dann, wenn autoritäre, antifeministische oder gewaltförmige Männlichkeitsbilder an Attraktivität gewinnen.
Gleichzeitig äußerten einige Teilnehmende Kritik daran, dass öffentliche Debatten über Männlichkeit häufig fast ausschließlich problemorientiert geführt würden und positive oder konstruktive Aspekte von Mannsein zu wenig Raum bekämen. Zugleich wurde vorsichtig die Frage gestellt, ob nicht auch feministische Debatten gelegentlich blinde Flecken entwickeln – etwa bei der Frage nach Privilegien und einem Leben auf Kosten anderer.
Als möglicher Umgang mit diesen Spannungen zeichnete sich im Verlauf des Abends keine einfache Lösung ab, wohl aber eine Haltung: die eigene Biografie und Verstrickung im Blick behalten, kritik- und veränderungsbereit bleiben und dennoch nicht in Selbstverachtung oder Trotz verfallen.