Ergebnisse der Dialoggruppe beim Fachtag „Geschlechtergerechtigkeit gemeinsam gestalten“ am 9. Februar 2026 in Stuttgart. Moderation: Heiko Hauger
Die Dialoggruppe setzte sich mit der Frage auseinander, welche Bedeutung Vielfalt und queere Perspektiven für eine zeitgemäße Männer*arbeit und eine inklusive Gleichstellungspolitik haben. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass häufig noch ein implizites „Normalbild“ von Mann wirkt, das mit den Markern heterosexuell, cisgeschlechtlich und mehrheitsgesellschaftlich sozialisiert umschrieben werden kann. Dem wurde als leitende Perspektive entgegengestellt: Männlichkeiten gibt es nur im Plural. Unterschiedliche Lebensrealitäten, Identitäten und Erfahrungen prägen, was Männlichkeit bedeutet und wie sie gesellschaftlich wirksam wird.
Im Austausch wurde deutlich, dass Männer*arbeit und Gleichstellungsarbeit unterschiedliche, sich jedoch ergänzende Zugänge haben. Männerberatung arbeitet häufig biografisch und ressourcenorientiert, Gleichstellungsarbeit stärker strukturell und politisch. Gerade im Zusammenspiel individueller Reflexion und struktureller Veränderung liegt eine wichtige Chance für nachhaltige Gleichstellung aller Geschlechter.
Das männerpolitische Dreieck von Michael A. Messner, das Gunter Neubauer in seinem Statement vorgestellt hatte, wurde herangezogen. Das Dreieck macht sichtbar, dass Männer*arbeit stets drei Dimensionen zugleich berücksichtigen muss:
- die Kosten traditioneller Männlichkeit für Männer selbst,
- die strukturellen Privilegien und Machtpositionen von Männern,
- die Unterschiede und Ungleichheiten unter Männern.
Insbesondere queere Perspektiven schärfen den Blick für diese dritte Dimension. Sie machen sichtbar, dass Männer* keine homogene Gruppe sind und dass sich Privilegien, Verletzbarkeiten und Diskriminierungserfahrungen überschneiden können. Die Diskussion machte deutlich, dass queere Perspektiven nicht polarisierend wirken möchten, sondern klärend. Sie helfen, stereotype Zuschreibungen zu öffnen und zeigen, wie ein konstruktiver Umgang mit gesellschaftlicher Komplexität gelingen kann: indem Ambivalenzen ausgehalten und unterschiedliche Lebensrealitäten ernst genommen werden.
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Verwendung des Gendersterns in der Männer*arbeit, sichtbar im Titel der Dialoggruppe. Für einige Teilnehmende ist er ein wichtiges Zeichen der Öffnung und der Anerkennung vielfältiger Männlichkeiten. Andere äußerten die Sorge, dass er insbesondere Männer*, die sich bislang wenig mit Gleichstellungsthemen auseinandergesetzt haben, irritieren oder abschrecken könnte. Im Austausch wurde deutlich, dass Sprache eine Signalwirkung besitzt, jedoch nicht isoliert betrachtet werden kann. Entscheidend ist, ob Angebote tatsächlich inklusiv gestaltet sind und Vielfalt in Haltung und Praxis glaubwürdig verankert ist.
Zentral war die gemeinsame Einschätzung, dass vielfaltssensible Männerarbeit kein Spezialthema darstellt, sondern ein wesentlicher Bestandteil moderner Gleichstellungspolitik ist. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Gleichstellungsstrategie des Landes Baden-Württemberg sowie den „Aktionsplan Queer“ (Aktionsplan für Akzeptanz und gleiche Rechte Baden-Württemberg), die beide auf Sichtbarkeit, Antidiskriminierung und strukturelle Teilhabe zielen. Diese Zielsetzungen lassen sich ohne eine reflektierte Auseinandersetzung mit Männlichkeitsnormen und ohne die aktive Einbindung von Männern* nicht wirksam umsetzen.
Fazit: Eine zukunftsfähige Gleichstellungspolitik in Baden-Württemberg braucht eine Männer*arbeit, die Vielfalt ausdrücklich anerkennt, Privilegien reflektiert und solidarisches Handeln stärkt. Queere Perspektiven erweitern Männer*arbeit nicht am Rand, sondern erhöhen ihre fachliche und politische Qualität. Sie sind ein zentraler Baustein für die Umsetzung der Gleichstellungsstrategie und des Aktionsplans Queer im Land. Vielfalt und queere Perspektiven stellen Männer*arbeit nicht grundsätzlich infrage, sondern führen sie zu ihrem Kern.
Die weiteren Dialoggruppen:
Familie und Kinder – Care-Arbeit, Elternschaft und politische Rahmenbedingungen
Moderation: Tilman Kugler
Familie und Pflege – Sorgearbeit für pflegebedürftige Angehörige, förderliche Rahmenbedingungen, politische und gesellschaftliche Anerkennung
Moderation: Thomas König
Care und Self-Care / Selbstfürsorge
Moderation: Kevin Koldewey
Geschlechterrollen und Männer in der Gleichstellungsarbeit
Moderation: Simon Hameister
Gleichstellungspolitik und gesellschaftliche Strukturen – politische Forderungen
Moderation: Gunter Neubauer